Warum diese Kürzel funktionieren
Vorweg eine Einordnung, weil im Netz einiges an Halbwissen kursiert: Es handelt sich nicht um versteckte Systembefehle und auch nicht um Hintertüren, die OpenAI eingebaut hätte. Die Kürzel sind schlicht Formulierungen, die in den Trainingsdaten millionenfach vorkommen – in Foren, in Dokumentationen, in Code-Kommentaren. Das Modell hat gelernt, wie eine Antwort auf ELI5 üblicherweise aussieht, und reproduziert dieses Muster zuverlässig.
Daraus ergibt sich der praktische Nutzen, aber auch die Grenze. Die Kürzel machen den Output vorhersehbarer, nicht richtiger. Eine falsche Aussage wird durch EXEC SUMMARY nicht korrekt, sondern nur kürzer und selbstbewusster formuliert.
Für den Arbeitsalltag bleiben drei Vorteile:
Der Prompt wird kürzer, die eigentliche Frage rückt in den Vordergrund
Ergebnisse werden über mehrere Durchläufe hinweg konsistenter – wichtig, wenn mehrere Personen mit denselben Vorlagen arbeiten
Weniger Tokens für Rahmenanweisungen bedeuten mehr Platz für den eigentlichen Inhalt
Kategorie 1: Umfang, Struktur und Format
Diese Befehle steuern, wie viel herauskommt und in welcher Form. Sie sind der Einstieg, weil sie sofort spürbar Zeit sparen.
ELI5 – erklärt einen komplexen Sachverhalt auf einfachstem Niveau. „Erkläre mir Quantencomputing. ELI5.“
TLDR – sehr kurze Zusammenfassung eines langen Texts. „Fasse das angehängte Protokoll zusammen. TLDR.“
STEP-BY-STEP – zerlegt eine Aufgabe in eine nachvollziehbare Schrittfolge. „Wie richte ich einen Blog auf WordPress ein? STEP-BY-STEP.“
CHECKLIST – Ergebnis als abhakbare Liste statt als Fließtext. „Erstelle die Packliste für eine Geschäftsreise. CHECKLIST.“
EXEC SUMMARY – Management-Zusammenfassung mit Kennzahlen und Empfehlung. „Analysiere diesen Quartalsbericht. EXEC SUMMARY.“
BRIEFLY – Antwort ohne Einleitung, ohne Nachklapp, ohne Höflichkeitsfloskeln. „Wann wurde die erste Dampfmaschine gebaut? BRIEFLY.“
FORMAT AS – überführt die Ausgabe in ein vorgegebenes Format. „Klassifiziere diese Keywords. FORMAT AS: Tabelle.“
SCHEMA – erzwingt eine exakte technische Struktur. „Erstelle ein FAQ-Markup für unsere Website. SCHEMA: JSON-LD.“
REWRITE AS – überträgt bestehenden Inhalt in eine andere Form. „Formuliere diese E-Mail um. REWRITE AS: sachlicher Geschäftsbrief.“
CONTEXT STACK – verdichtet den bisherigen Chatverlauf auf die getroffenen Entscheidungen. „Fasse unsere bisherigen Festlegungen zusammen. CONTEXT STACK.“
Besonders SCHEMA und FORMAT AS lohnen sich, sobald das Ergebnis weiterverarbeitet wird. Wer die Ausgabe anschließend in ein Ticketsystem, eine Tabelle oder ein Skript übernimmt, spart sich das manuelle Nachformatieren.
Kategorie 2: Rolle, Tonalität und Zielgruppe
Hier geht es um die Perspektive, aus der geantwortet wird, und um die Sprache, in der das geschieht.
HUMANIZE – natürliche Sprache ohne die typischen KI-Formulierungen. „Schreibe den Newsletter-Text. HUMANIZE.“
ACT AS – versetzt das Modell in eine definierte Fachrolle. „ACT AS: erfahrener SEO-Consultant.“
JARGONIZE – erhöht die Dichte an Fachbegriffen für ein Expertenpublikum. „Erkläre die neue Regelung. JARGONIZE.“
AUDIENCE – richtet die gesamte Argumentation auf eine Zielgruppe aus. „Erkläre die Vorteile von Yoga. AUDIENCE: Senioren.“
TONE – legt die emotionale Ausrichtung fest. „TONE: nüchtern und knapp.“
DEV MODE – technische Antwort ohne erklärendes Beiwerk. „Schreibe ein PowerShell-Skript für den Export. DEV MODE.“
PM MODE – Denken entlang von Prioritäten, Risiken und Kennzahlen. „Entwickle eine Produkt-Roadmap. PM MODE.“
ROLE / TASK / FORMAT – dreiteiliges Briefing für maximale Präzision bei minimalem Text. „ROLE: Copywriter; TASK: Slogan entwerfen; FORMAT: Liste.“
SOCRATIC MODE – das Modell stellt Fragen, statt Antworten zu liefern. „Hilf mir, unsere Preisstrategie zu überdenken. SOCRATIC MODE.“
BEGIN WITH / END WITH – erzwingt exakte Anfangs- oder Schlussformulierungen. „BEGIN WITH: ‚Das war ein teurer Fehler.‘“
ACT AS wird dabei am häufigsten überschätzt. Eine Rollenzuweisung ersetzt keinen Kontext: Wer „ACT AS: IT-Leiter“ schreibt, bekommt den Durchschnitt aller Texte, die je über IT-Leiter geschrieben wurden – nicht jemanden, der die eigene Umgebung kennt.
Kategorie 3: Denkmodi und Prüfverfahren
Diese Gruppe ist die interessanteste, weil sie nicht das Format verändert, sondern den Weg zur Antwort. Die Kürzel zwingen das Modell dazu, Zwischenschritte offenzulegen oder gegen sich selbst zu argumentieren.
SWOT – strukturierte Analyse von Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. „Analysiere unsere Geschäftsidee. SWOT.“
COMPARE – systematischer Vergleich mehrerer Optionen anhand fester Kriterien. „Vergleiche Shopify und WooCommerce. COMPARE.“
MULTI-PERSPECTIVE – ein Sachverhalt aus mehreren Blickwinkeln parallel. „Bewerte die Einführung von Remote Work. MULTI-PERSPECTIVE.“
FIRST PRINCIPLES – zerlegt ein Problem bis auf die Grundannahmen. „Wie senken wir die Ladezeit unserer Website deutlich? FIRST PRINCIPLES.“
PRE-MORTEM – nimmt das Scheitern eines Vorhabens gedanklich vorweg. „Wir migrieren im Q4 auf Intune. PRE-MORTEM.“
3-PASS ANALYSIS – Auswertung in drei Durchgängen: Überblick, Struktur, Synthese. „Lies dieses Whitepaper. 3-PASS ANALYSIS.“
SYSTEMATIC BIAS CHECK – prüft den eigenen Entwurf auf Denkfehler und Verzerrungen. „Bewerte diese Marketingstrategie. SYSTEMATIC BIAS CHECK.“
REFLECTIVE MODE – Reflexionsschleife vor der Ausgabe. „Entwirf ein Konzept für die Einarbeitung. REFLECTIVE MODE.“
DELIBERATE THINKING – erzwingt sichtbare logische Zwischenschritte. „Löse diese Planungsaufgabe. DELIBERATE THINKING.“
EVAL-SELF – bewertet die eigene Antwort kritisch und überarbeitet sie. „Schreibe den Beitrag und verbessere ihn anschließend selbst. EVAL-SELF.“
PRE-MORTEM ist das Kürzel, das wir in Projektbesprechungen am häufigsten einsetzen. Die Frage „Angenommen, die Migration ist gescheitert – woran lag es?“ fördert regelmäßig Punkte zutage, die in der regulären Risikoliste nicht auftauchen.
Kategorie 4: Grenzen setzen und Rückfragen erzwingen
Die letzte Gruppe reglementiert, was das Modell nicht tun soll. Im geschäftlichen Einsatz ist das der wichtigste Teil.
PARALLEL LENSES – Bewertung durch mehrere theoretische Modelle gleichzeitig. „Bewerte unser Onboarding. PARALLEL LENSES.“
PITFALLS – benennt typische Fehler und Stolperstellen explizit. „Wie schalten wir Google Ads? Nenne die PITFALLS.“
METRICS MODE – übersetzt qualitative Ziele in messbare Größen. „Wie verbessern wir die Kundenzufriedenheit? METRICS MODE.“
GUARDRAIL – setzt inhaltliche oder stilistische Ausschlusskriterien. „Schreibe den Beitrag. GUARDRAIL: keine medizinischen Empfehlungen.“
USE PRIOR / RECALL – greift gezielt auf frühere Punkte im Verlauf zurück. „Nutze das Feedback aus der zweiten Runde. USE PRIOR.“
REQUIRES SOURCE – unterdrückt Spekulation, verlangt belegbare Angaben. „Welche Maßnahmen sind laut Studien wirksam? REQUIRES SOURCE.“
CONSTRAINT MODE – Lösung unter definierten Engpässen. „Entwirf die Kampagne. CONSTRAINT MODE: Budget maximal 100 Euro.“
FRICTION SIMULATION – baut Hindernisse und unerwartete Änderungen ein. „Teste unsere Launch-Strategie. FRICTION SIMULATION.“
IF/THEN INTERACTIVE – führt schrittweise durch eine Entscheidungslogik. „Starte ein Verhandlungstraining. IF/THEN INTERACTIVE.“
NO AUTOPILOT – verbietet ungesicherte Annahmen, erzwingt Rückfragen. „Erstelle das Konzept. NO AUTOPILOT.“
NO AUTOPILOT und REQUIRES SOURCE gehören aus unserer Sicht in jede interne Prompt-Vorlage, sobald Ergebnisse in Dokumente einfließen, die jemand anderes weiterverwendet. Beide Kürzel reduzieren genau das Verhalten, das Sprachmodelle im Unternehmenskontext problematisch macht: das flüssige Ausfüllen von Lücken.


